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Ausgabe 95
Dezember 2009

 

 
 
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Neulich im Baumarkt. Die Regale wie zerschossen. Kein Mitarbeiter weit und breit. Das Sortiment ist kläglich. Dafür rennen wir ständig gegen Aufsteller mit Krimskrams. Das Adjektiv „BILLIG“ schreit uns aus jeder Ecke an. Wir greifen uns, was wir dringend brauchen und schalten auf Fluchtmodus. Aber die Schlange an der Kasse zwingt uns zu einem längeren Aufenthalt. Aus den Lautsprechern plärrt es derweil sinngemäß: „Hier regiert der Preis!“ Und: „20 Prozent auf alles, was nicht eh schon viel zu billig ist!

Wenige Tage später. Wir lesen einen Artikel im Handelsblatt über Sinn oder Unsinn aggressiver Preissenkungen in der Baumarktbranche. Und sehen unseren Verdacht bestätigt: Die Kette, zu der jener Baumarkt gehört, in den wir uns verirrt hatten, kam im laufenden Geschäftsjahr auf eine Ertragsmarge von klapprigen 1,8 Prozent. Ihr wichtigster Mitbewerber dagegen kam – trotz Wirtschaftskrise – auf 7,2 Prozent. Der wesentliche Unterschied: Händler eins setzt auf aggressive Preissenkungen. Händler zwei auf gut kalkulierte Dauerpreise und verteidigt diese auch in der Krise.

Nicht, dass wir uns missverstehen. Uns geht es nicht darum, das Management eines bestimmten Unternehmens zu kritisieren. Sondern darum: Was ist das angemessene Verhalten, wenn Kunden einem krisenbedingt mal eine Zeit lang NICHT die Türen einrennen. Viele Unternehmen senken dann reflexartig die Preise. Ist ja auch verführerisch: Lässt sich sofort umzusetzen und beweist Tatkraft. Lieber in die Billigschlacht ziehen, als sich billig abschlachten zu lassen! Das leicht kommunizierbare Ziel: den Wettbewerbern Kunden abjagen. Aber in Wirklichkeit ist das nur Aktionismus – und der bringt nur einen Haufen Probleme ein.

Erstens: Dort, wo jemand mit niedrigen Preisen hin will, sind fast immer schon Wettbewerber, die ihre Prozesse und ihre Marke von Anfang an auf niedrige Preise ausgerichtet haben und deshalb kaum noch zu unterbieten sind – Aldi bei Lebensmitteln, Ikea bei Möbeln, Easyjet beim Fliegen und so weiter. Zweitens: Die Nachfrage zieht nur sehr selten in dem Maße an, wie die Preise gesenkt werden. Drittens: Viele Manager unterschätzen schlicht, wie stark Preissenkungen das Ergebnis drücken. Viertens: Hat sich der Kunde einmal an ständige Rabatte gewöhnt, akzeptiert er Preissteigerungen kaum noch. Am Ende findet der Kampf an zwei Fronten statt: hier gegen sinkenden Absatz, da gegen fallende Preise.

Was also tun? Nach unserer Beobachtung ist die Einstellung der Führungskräfte entscheidend. Manager müssen in der Krise der Versuchung widerstehen, sich durch überstürzte Preissenkungen kurzfristig zu profilieren. Der Markt belohnt langfristig den Mut, in der Krise Preise zu verteidigen. Manager sollten weltweite Absatzflauten einfach akzeptieren. Nerven behalten! Ohne Aktionismus! Wem es gelingt, seine Preise stabil zu halten, der zählt zu den großen Gewinnern, wenn die Nachfrage wieder anzieht.

Preisstabile Grüße


Anja Förster & Peter Kreuz
 

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Backstage Talk: Titus Dittmann

Er ist "young at heart" und genau das macht das Gespräch mit ihm so ungeheuer erfrischend und lebendig. Der 61-jährige Unternehmer aus Münster gilt als "Vater der deutschen Skateboard-Szene". Ende der 70er beginnt er als junger Lehrer, Skateartikel aus Kalifornien 'zu schmuggeln' und verkauft sie zum Selbstkostenpreis an seine Schüler. Es ist der Beginn seiner Firma, die schnell zum europäischen Marktführer aufsteigt. Dieser Aufstieg wird im Jahr 2000 mit dem Börsengang 'gekrönt'. Doch das wird zum herben geschäftlichen Rückschlag und die Titus AG kämpft ums Überleben. Ende 2006 beschließt Dittmann, alles auf eine Karte zu setzen, verpfändet Haus und Lebensversicherung, kauft die Firma zurück und schreibt heute wieder schwarze Zahlen.

Der "Lord of the Board" ist zweifelsohne geschäftstüchtig, hat aber auch eine sehr soziale Ader. So finanziert er eine Vielzahl sozialer Projekte für junge Leute. „Skateboarding kennt weder Grenzen noch Krieg, Hautfarbe oder Hass, arm oder reich: Skateboarding verbindet und wirkt insbesondere in der Orientierungsphase bei Jugendlichen extrem sinn- und identitätsstiftend“, lautet sein Credo.

Zum Interview

 

 

Backstage: TopCoder

Über Internet-Communities, Blogs und Wikis reden gerade alle. Klar ist, dass es ohne nicht mehr geht. Aber unklar ist, wie man mit den Möglichkeiten des Web 2.0 Geld verdienen kann. Dachten wir, bis wir auf TopCoder, eine Softwarefirma aus Boston, gestoßen sind.

Das Unternehmen hat ein verdammt interessantes Geschäftsmodell: Es entwickelt Software ohne einen einzigen Programmierer zu beschäftigen. Wie das geht? TopCoder betreibt Crowdsourcing und lässt Community-Mitglieder für sich arbeiten. Mit Erfolg. Über 200.000 Programmierer sind im TopCoder-Netzwerk und auf deren Wissen und Ideen kann sich die Firma verlassen.


Quelle: www.topcoder.com

So läuft das Geschäftsmodell: TopCoder akquiriert Aufträge für maßgeschneiderte Software-Lösungen. Diese Aufträge werden dann in Teilschritte gestückelt, die ähnlich wie bei einem Architektur-Wettbewerb ausgeschrieben werden. Meist beteiligen sich 10 bis 20 Programmierer an der Ausschreibung, die Bezahlung bei Erhalt des Zuschlags liegt im fünfstelligen Bereich.

Expertise ist der Schlüssel und gleichzeitig der Antrieb für die Community-Mitglieder, sich an den Ausschreibungen zu beteiligen. Den Auftrag einzufahren und in der Software ihre Signatur zu hinterlassen ist für die Computer-Cracks mindestens genauso wichtig wie die Bezahlung.

Am Ende setzt TopCoder die Teilstücke wieder zusammen und liefert an den Kunden. Augenscheinlich zu deren Zufriedenheit: Seit der Gründung von TopCoder ist der Umsatz auf 20 Millionen Dollar gewachsen. Nachahmen lässt sich dieser Erfolg sicher nicht direkt. Doch lernen kann man daraus.


Quelle: www.topcoder.com

Das Internet-Zeitalter verlangt nach neuen Managementprinzipien:

1. Manager strukturieren den Prozess – und machen dann den Weg frei. Wie lässt sich ein Team managen, das man nie persönlich getroffen hat und dessen Mitglieder nicht zum Unternehmen gehören? Antwort: Indem das Unternehmen die Spielregeln und das Spielfeld definiert, letzteres aber dann den freien Mitarbeitern überlässt. Darin steckt eine fundamental andere Art des Managements.

2. Aufgaben werden gewählt, nicht von oben verteilt. Bei TopCoder entscheidet der einzelne Programmierer selbst, ob er sich an einem Projekt beteiligt oder nicht. Wie und wo er sich einbringt, ist seine Sache. Doch entscheidet er sich dafür, dann auch mit voller Einsatzbereitschaft und Energie. Theoretisch ist das in fast jeder Firma denkbar – wenn man bereit ist sich vom alten Konzept des „Führens“ zu verabschieden. Es entsteht dann eine Art unternehmensinterner Markt, in dem Angebot und Nachfrage an einzelnen Projekten oder auch nur Prozessschritten zusammenfinden.

3. Belohnt wird, wer sich engagiert. Die Projekte bei TopCoder “gehören“ tausenden Individuen, die ständig neu darüber entscheiden, wie und wo sie ihre wertvollste Währung investieren: ihre Arbeitskraft. Denkbar in der traditionellen Unternehmenswelt? Wir fürchten: Nein. Dort werden in aller Regel Projekte und Aufgaben zugeteilt, von oben nach unten. Aber grundsätzlich übertragbar auf alle möglichen Unternehmen, auch solche, die mit IT und Internet nichts zu tun haben? Wir meinen: Ja.

Können Sie sich diese Managementprinzipien in Ihrem Unternehmen vorstellen? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare.
 

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Homepage TopCoder
TopCoder bei Wikipedia
Xconomy, Wade Roush, Crowdsourcing Software Long Before Crowdsourcing Got Cool
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Backstage: Bank of New Zealand (BNZ)

Die Dame am Check-In eines Hotels in San Diego fragt uns: „Möchten Sie einen frisch gebackenen Chocolate Chip Cookie? Unsere kleine Aufmerksamkeit zur Begrüßung der Gäste!“ Wir: „Danke, im Moment nicht.“ Aber neben uns will jemand: „Geben Sie doch unsere beiden Cookies dem Herrn.“ Die Dame: „Darf ich nicht. Ein Cookie für jeden Gast. Corporate Policy. Aber ich kann Ihnen Ihre Kekse geben und Sie geben sie dann dem Herrn.“ Das war dem Nebenmann zu blöd. Verständlicherweise.

Willkommen in Corporate Country, wo Mitarbeiter wie Kinder behandelt werden, denen man keine Entscheidungsbefugnis gewährt. Enge Richtlinien und verbindliche Vorschriften werden so zum Korsett, das spontane Initiative und kreative Aufgabenlösung im Keim erstickt.

Ist es wirklich so schwer, seine Mitarbeiter wie Erwachsene zu behandeln? Würde man Chris Bayliss fragen, verantwortlich für das Filialgeschäft bei der Bank of New Zealand (BNZ), würde er vermutlich sagen: Ja, es ist schwer. Aber es lohnt sich!


Quelle: Bank of New Zealand (BNZ); www.bnz.co.nz

Tatsächlich hat Bayliss die Regeln einer seit 150 Jahren existierenden Bank ganz schön durcheinander gebracht. Dabei wollte er ursprünglich nur einer seiner Filialleiterinnen das Leben erleichtern. Bayliss war wieder einmal auf Rundreise und sah, wie sich vor einer Filiale Morgens um 9 Uhr eine lange Kundenschlange gebildet hatte. Dazu muss man wissen: Die 180 Filialen öffneten landesweit einheitlich um 9.30 Uhr. Corporate Policy. Bayliss fragte die Filialleiterin: „Wenn das Ihre Bank wäre, würden Sie jetzt öffnen?“ Die Antwort: „JA! Natürlich! Was denn sonst?“ Und Chris Bayliss tat, was die meisten Menschen – aber eben nicht jeder Führungsverantwortliche – in so einer Situation tun würden: Er ließ die Tore aufmachen.

Ab sofort durfte diese Filialleiterin die Öffnungszeiten ihrer BNZ-Filiale so gestalten, wie sie es aus unternehmerischer Sicht für sinnvoll hielt – unter der Bedingung, dass diese Änderung keine zusätzlichen Kosten verursachen würde.

Was Bayliss nicht einkalkuliert hatte, war die Reaktion der anderen 180 Filialleiter seiner Bank: Plötzlich wollten alle so viel Freiheit haben. Gebt die Schlösser frei – und zwar sofort! - schallte es der Zentrale entgegen. Gemeinsam mit dem Marketingchef traf Bayliss deswegen eine folgenschwere Entscheidung: Freiheit für alle! Viva la Öffnungszeiten-Revolucion! Die Angestellten waren begeistert.


Quelle: Bank of New Zealand (BNZ); www.bnz.co.nz

Nur der Rest der BNZ-Führungsriege fühlte sich – gelinde gesagt – überrumpelt. In der Zentrale war man kurz davor, Bayliss’ Kopf rollen zu lassen. Was, wenn die Angestellten ihre Filialen einfach gar nicht mehr öffnen würden?

„80 Prozent des Widerstands aus der Führungsetage war lediglich die Angst davor, Kontrolle abgeben zu müssen. Die anderen 20 Prozent waren echte betriebliche Notwendigkeiten, die nach einer Anpassung verlangten“, so Bayliss heute. Doch selbst nach leichter Modifikation sprachen alle Faktoren für das Konzept: Die Kunden waren zufriedener, die Presse begeistert, die Umsätze besser. Und die Angestellten waren glücklich, weil sie endlich wie Erwachsene behandelt wurden.

Fazit: Das Mantra vom „Mitarbeiter als Unternehmer im Unternehmen“ bleibt so lange hohle Phrasendrescherei, wie Angestellte erstens keine wirkliche Freiheit besitzen, sie zweitens nicht alle Informationen erhalten, die sie zum Handeln brauchen, und sie drittens keinen Anreiz sehen, unternehmerisch zu denken. Erleben Mitarbeiter aber einmal den unmittelbaren Effekt ihrer Entscheidungsfreiheit – das Lächeln ihrer Kunden, das Klingeln der Kasse und ihre eigene Gemütslage –, dann gibt es kein Zurück mehr!

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Homepage BNZ - Bank of New Zealand
New Zealand Herold, "Personal banking with a latte"
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Outtake: Pee-before-flying

„Guten Tag meine Damen und Herren, hier spricht Ihr Kapitän. Wenn Sie nun alle noch mal auf dem stillen Örtchen waren, dann können wir gleich losfliegen.“

Bei der japanischen Fluggesellschaft All Nippon Airways ist das, was hier nach schierem Blödsinn klingt, Realität. Jedenfalls annähernd. Um Kerosin zu sparen, hält die Fluglinie seit Anfang Oktober ihre Passagiere auf 38 Inlands- und vier internationalen Flügen dazu an, auf dem Weg in den Flieger noch einmal auf die Toilette zu gehen, um so das Abfluggewicht des Flugzeugs zu senken. Die Testphase läuft. Wir sind nicht ganz sicher, ob das allein hilft – immerhin werden einem heutzutage alle Getränke ja schon bei der Sicherheitskontrolle abgenommen und man ist doch eher latent durstig.

Wir möchten deshalb eine Erweiterung des Konzepts anregen. Das klänge dann etwa so: „Sehr geehrte Fluggäste, wir möchten Sie daran erinnern, sich vor dem Boarding noch eine halbe Stunde auf den Stepper zu begeben. Friseure zur Reduktion Ihres Haargewichts erwarten Sie an den Ausgängen A und B im Boardingbereich. Unser Bodenpersonal wird Ihnen darüber hinaus gerne bei Ihrer Blutspende behilflich sein. Bitte denken Sie daran, dass Schwangere vor dem Einsteigen erst niederkommen müssen. Vielen Dank für Ihre Mithilfe und einen guten Flug.“
 

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Mehr kuriose Outtakes
Time Magazine, Coco Masters, "Japanese Flyers Get Some Bathroom Advice"
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Up to date: Förster & Kreuz

Neben der englischen Übersetzung gibt es unser Buch Different Thinking in vielen weiteren Sprachen wie Griechisch, Tschechisch, Koreanisch und jetzt auch ganz neu in Chinesisch. Bei den beiden letztgenannten Sprachen können wir leider nicht einmal unseren Namen auf dem Cover entziffern – der Verlag versicherte uns allerdings glaubhaft, dass es sich um unser Buch handeln würde.



 





 

Förster & Kreuz

Förster & Kreuz sind Vordenker einer neuen Generation in Wirtschaft und Management. Leidenschaftlich. Kämpferisch. Erfrischend. Sie bringen Führungskräfte und ihre Teams dazu, sich aus Denkschablonen zu befreien, Scheuklappen abzulegen und ausgetretene Pfade zu verlassen.

Auf allen fünf Kontinenten fahnden die beiden Managementberater und Bestsellerautoren nach Unternehmen, die so unkonventionell wie erfolgreich sind. Nach Organisationen, denen sich die besten Talente und Kunden anschließen und nach Menschen, die dafür brennen, mit ihrer Arbeit einen echten Unterschied zu machen.


Zu ihren Kunden zählen die Führungsetagen von Bayer, BMW, Deutsche Bank, Gore, IBM, Mars, Porsche, Siemens und weiterer namhafter Unternehmen.

Wenn Sie Förster & Kreuz buchen möchten, kontaktieren Sie bitte ihre Agentin Petra Steurer: Telefon (Schweiz): 0041-71-7446522;

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